ETF thesaurierend - aber wann "bekommt" man den Gewinn - Geldanlage

Die Welt der ETFs (Exchange Traded Funds) kann zunächst etwas verwirrend wirken, besonders wenn es um thesaurierende Varianten geht. Man investiert, sieht den ETF-Wert steigen, aber fragt sich: Wo bleibt das Geld, das durch Dividenden und Zinsen erwirtschaftet wird? Dieser Artikel beleuchtet das Thema der thesaurierenden ETFs und erklärt, wie und wann man indirekt von den Erträgen profitiert.

Was genau bedeutet "thesaurierend" überhaupt?

Im Grunde genommen bedeutet "thesaurierend", dass die Erträge eines ETFs - also Dividenden von Aktien oder Zinsen von Anleihen, die im ETF enthalten sind - nicht an den Anleger ausgeschüttet werden. Stattdessen werden diese Erträge automatisch wieder in den ETF reinvestiert. Das bedeutet, dass der ETF mehr von den zugrunde liegenden Vermögenswerten kauft, was wiederum zu einem höheren Gesamtwert des ETFs führt.

Ausschüttend vs. Thesaurierend: Der kleine, feine Unterschied

Um das Konzept der Thesaurierung besser zu verstehen, ist es hilfreich, den Unterschied zu ausschüttenden ETFs zu betrachten.

  • Ausschüttende ETFs: Die Erträge werden regelmäßig (z.B. vierteljährlich, jährlich) an den Anleger ausgezahlt. Der Anleger erhält also direkt Geld auf sein Konto.
  • Thesaurierende ETFs: Die Erträge werden nicht ausgezahlt, sondern automatisch wieder in den ETF investiert. Der Anleger profitiert indirekt durch eine Steigerung des ETF-Wertes.

Der magische Zinseszinseffekt: Dein heimlicher Verbündeter

Der größte Vorteil von thesaurierenden ETFs liegt im Zinseszinseffekt. Da die Erträge automatisch reinvestiert werden, generieren sie wiederum neue Erträge. Dieser Schneeballeffekt kann langfristig zu einem deutlich höheren Vermögensaufbau führen, als wenn die Erträge ausgeschüttet und anderweitig angelegt würden (oder gar konsumiert!).

Wann "bekomme" ich denn nun meinen Gewinn? Die Antwort ist...

Das ist die Kernfrage! Du "bekommst" deinen Gewinn bei einem thesaurierenden ETF nicht in Form direkter Auszahlungen. Stattdessen manifestiert sich der Gewinn in der Wertsteigerung des ETFs selbst.

  • Indirekte Gewinnausschüttung: Die Erträge werden reinvestiert, wodurch der Wert des ETFs steigt. Deine Anteile am ETF werden also wertvoller.
  • Realisierung des Gewinns: Du realisierst deinen Gewinn erst, wenn du deine ETF-Anteile verkaufst. Der Verkaufserlös (abzüglich Steuern und Gebühren) ist dann dein tatsächlicher Gewinn.

Ein konkretes Beispiel zur Verdeutlichung

Stell dir vor, du investierst 1.000 € in einen thesaurierenden ETF. Dieser ETF erwirtschaftet im ersten Jahr 5% Rendite durch Dividenden und Zinsen.

  • Ausschüttender ETF: Du erhältst 50 € als Ausschüttung auf dein Konto. Dein ETF-Anteil bleibt bei 1.000 € (ohne Kurssteigerung).
  • Thesaurierender ETF: Die 50 € werden automatisch reinvestiert. Dein ETF-Anteil ist nun 1.050 € wert. Im nächsten Jahr werden auch diese 50 € wieder mitverzinst.

Du siehst: Beim thesaurierenden ETF profitiert dein Kapital direkt vom Zinseszinseffekt, da die Erträge sofort wieder investiert werden.

Die Steuerfrage: Was du wissen musst

Auch wenn die Erträge nicht ausgeschüttet werden, sind sie steuerpflichtig. In Deutschland werden thesaurierende ETFs als ausschüttungsgleich behandelt. Das bedeutet:

  • Vorabpauschale: Der Staat berechnet eine Vorabpauschale, die als fiktive Ausschüttung gilt. Diese Vorabpauschale wird besteuert, auch wenn du kein Geld erhalten hast. Die genaue Berechnung ist komplex und hängt vom Basiszinssatz und dem Wert des ETFs ab.
  • Versteuerung beim Verkauf: Beim Verkauf deiner ETF-Anteile wird der Gewinn (Verkaufserlös minus Anschaffungskosten) versteuert. Allerdings wird die bereits versteuerte Vorabpauschale angerechnet, um eine Doppelbesteuerung zu vermeiden.

Vor- und Nachteile von thesaurierenden ETFs: Eine Abwägung

Wie jede Anlageform haben auch thesaurierende ETFs Vor- und Nachteile, die man berücksichtigen sollte.

Vorteile:

  • Zinseszinseffekt: Maximierung des langfristigen Vermögensaufbaus durch automatische Reinvestition der Erträge.
  • Weniger Aufwand: Keine Notwendigkeit, sich um die Wiederanlage der Ausschüttungen zu kümmern.
  • Potenziell höhere Rendite: Durch den Zinseszinseffekt kann die Gesamtrendite höher sein als bei ausschüttenden ETFs.
  • Geeignet für langfristige Anleger: Ideal für Anleger, die langfristig Vermögen aufbauen möchten und keine regelmäßigen Einkünfte aus ihren Anlagen benötigen.

Nachteile:

  • Keine direkten Erträge: Keine regelmäßigen Auszahlungen, was für Anleger, die auf laufende Einkünfte angewiesen sind, ein Nachteil sein kann.
  • Komplexere Steuerberechnung: Die steuerliche Behandlung ist etwas komplexer als bei ausschüttenden ETFs.
  • Vorabpauschale: Steuerliche Belastung, auch wenn keine tatsächliche Ausschüttung erfolgt.

Für wen sind thesaurierende ETFs geeignet?

Thesaurierende ETFs sind besonders gut geeignet für:

  • Junge Anleger: Die ihren Vermögensaufbau langfristig planen und den Zinseszinseffekt optimal nutzen möchten.
  • Anleger mit langfristigem Anlagehorizont: Die keine unmittelbaren Einkünfte aus ihren Anlagen benötigen und den Fokus auf langfristiges Wachstum legen.
  • Anleger, die den Aufwand minimieren möchten: Da die Erträge automatisch reinvestiert werden, entfällt der Aufwand für die Wiederanlage.
  • Anleger, die Steuern optimieren wollen: (Kann je nach individueller Situation zutreffen) Da die Steuerlast erst beim Verkauf anfällt, kann man ggf. von günstigeren Steuersätzen in der Zukunft profitieren (dies ist jedoch spekulativ).

Wie wähle ich den richtigen thesaurierenden ETF aus?

Die Auswahl des richtigen thesaurierenden ETFs hängt von deinen individuellen Anlagezielen, deiner Risikobereitschaft und deinem Anlagehorizont ab. Hier sind einige wichtige Kriterien:

  • Index: Welchen Index soll der ETF abbilden (z.B. MSCI World, S&P 500)?
  • TER (Total Expense Ratio): Wie hoch sind die jährlichen Kosten des ETFs? Je niedriger die TER, desto besser.
  • Fondsvolumen: Wie groß ist das Fondsvolumen des ETFs? Ein höheres Fondsvolumen deutet in der Regel auf eine höhere Liquidität hin.
  • Replikationsmethode: Wie bildet der ETF den Index ab (physisch oder synthetisch)?
  • Domizil des ETFs: Wo ist der ETF aufgelegt? Dies kann Auswirkungen auf die Besteuerung haben.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

  • Was passiert mit dem Geld, wenn ein thesaurierender ETF Dividenden erhält? Die Dividenden werden automatisch wieder in den ETF investiert, wodurch der Wert des ETFs steigt.

  • Muss ich Steuern auf thesaurierende ETFs zahlen, auch wenn ich kein Geld erhalte? Ja, in Deutschland wird die sogenannte Vorabpauschale besteuert, die als fiktive Ausschüttung gilt.

  • Sind thesaurierende ETFs besser als ausschüttende ETFs? Das hängt von deinen individuellen Bedürfnissen ab. Thesaurierende ETFs sind besser für langfristigen Vermögensaufbau, während ausschüttende ETFs regelmäßige Einkünfte generieren.

  • Wie finde ich heraus, ob ein ETF thesaurierend oder ausschüttend ist? Die Information findest du in der Regel in der ETF-Beschreibung oder im Factsheet des ETFs.

  • Kann ich einen thesaurierenden ETF jederzeit verkaufen? Ja, ETF-Anteile können in der Regel börsentäglich gehandelt werden.

Fazit

Thesaurierende ETFs sind ein effektives Werkzeug für langfristigen Vermögensaufbau, da sie den Zinseszinseffekt optimal nutzen. Informiere dich gründlich und wähle den ETF, der am besten zu deinen individuellen Zielen passt.